Aussortiert
Richard Voss hatte gelernt, Menschen nach Nutzen zu ordnen. Nach Leistung. Nach Belastbarkeit. Nach Kosten.
Damals galt er als systemrelevant.
Nun trug er einen grauen Trainingsanzug, dessen Reißverschluss sich nicht mehr richtig schließen ließ. Die Pflegerin hob seine Arme, als wären sie Äste. Das Wasser im Waschbecken war lauwarm. Sie putzte ihm die Zähne, weil seine rechte Hand zu stark zitterte.
„Mund auf, Herr Voss.“
Er starrte auf die weißen Kacheln. Früher hatte er in diesem Ton Besprechungen geleitet.
Im Speisesaal roch es nach gekochtem Kohl und Desinfektionsmittel. Er saß am Fensterplatz, den man ihm zugewiesen hatte, weil er dort am wenigsten störte. Mit der Linken schob er den Löffel durch den Brei. Die rechte Hand lag nutzlos auf dem Tisch, die Finger leicht gekrümmt.
Am Nebentisch versuchte eine alte Frau, mit ihrer Gabel ein Stück Apfel aufzuspießen. Beim dritten Versuch fiel es herunter. Niemand half ihr. Eine Pflegerin ging vorbei, ohne hinzusehen.
Seine Tochter kam jeden zweiten Sonntag. Heute war so ein Sonntag. Sie stellte eine Topfpflanze auf den Tisch, die bereits leicht welk war.
„Die Enkel lassen grüßen“, sagte sie und zog den Mantel nicht aus. „Sie haben viel Stress in der Schule.“
Er nickte. Sie sprach weiter über Termine, den neuen Job ihres Mannes, die steigenden Preise. Ihr Blick wanderte immer wieder zur Uhr an der Wand.
„Brauchst du noch etwas, Papa?“
Er schüttelte den Kopf. Er wollte sagen: Bleib noch zehn Minuten. Sprich mit mir wie mit einem Menschen. Stattdessen sah er zu, wie sie die Pflanze etwas weiter in die Mitte schob und aufstand.
„Dann bis bald.“
Die Tür schloss sich mit einem leisen Klicken.
Am Nachmittag saß er im Gemeinschaftsraum. Der Fernseher lief. Eine Sendung über Börsenkurse. Er kannte die Namen der Unternehmen noch. Früher hatte er dort mitgespielt. Jetzt hörte er nur noch das monotone Murmeln des Moderators und das Quietschen der Rollatoren auf dem Linoleum.
Ein Pfleger schob einen Rollstuhl vorbei. Darin saß ein Mann, den Kopf zur Seite gekippt, die Augen halb geschlossen. Der Pfleger sprach mit einer Kollegin über den Dienstplan, als wäre der Mann im Stuhl gar nicht da.
Richard Voss sah auf seine eigenen Hände. Die Adern traten dick hervor. Die Haut war dünn und fleckig. Er versuchte, die rechte Faust zu ballen. Es gelang ihm nur halb. Die Finger zitterten und öffneten sich wieder.
Später fand er in der Schublade des Nachttischs eine alte Visitenkarte. Das Papier war noch steif. Dr. Richard Voss – Vorstand Strategie & Entwicklung. Er strich mit dem Daumen darüber, immer wieder, als könnte er die Buchstaben spüren.
Am Abend half ihm ein Pfleger ins Bett. Der junge Mann roch nach Rasierwasser und Müdigkeit.
„Noch einen Wunsch, Herr Voss?“
Richard deutete mit dem Kopf auf das kleine Radio. Der Pfleger schaltete es ein. Klassik. Leise. Dann ging er.
Im Dunkeln lag Richard da und hörte das Atmen der anderen durch die dünnen Wände. Ein rasselndes Husten. Ein leises Stöhnen. Das Summen der Neonröhre im Flur, die nie ganz ausging.
Er dachte an die Sitzungen früher. An die Tabellen mit den roten und grünen Zahlen. An die Mitarbeiter, die ihm gegenübergesessen hatten, mit geraden Rücken und angespannten Schultern. Er hatte ihre Namen vergessen. Aber er erinnerte sich an die Blicke, wenn er das Urteil sprach. Kurz. Sachlich. Endgültig.
Jetzt lag er hier. Die Decke roch nach Waschmittel. Seine Beine waren schwer. Die Uhr an der Wand tickte.
Am nächsten Morgen kam der Arzt zur Visite. Ein junger Mann mit müdem Gesicht. Er blätterte in der Akte.
„Wie geht es uns heute, Herr Voss?“
Richard antwortete nicht sofort. Er sah den Arzt an, sah die Ungeduld in den Augen, die bereits zum nächsten Zimmer weiterwanderten.
„Gut“, sagte er schließlich.
Der Arzt nickte, machte einen Haken auf dem Blatt und ging.
Später saß Richard wieder am Fenster. Draußen fiel Regen auf den Rasen. Die Tropfen zogen Spuren auf der Scheibe. Er folgte ihnen mit den Augen, bis sie unten ankamen und verschwanden.
Er hob die zitternde Hand und legte sie flach gegen das kalte Glas.
Niemand kam, um ihn zu holen. Niemand brauchte ihn mehr. Nicht für Entscheidungen. Nicht für Gespräche. Nicht einmal für Ärger.
Er saß einfach da. Gerade. Still. Die Schultern leicht hochgezogen, als müsste er noch immer Haltung bewahren.
Draußen wurde es dunkel. Das Licht im Zimmer blieb an. Das Summen hielt an.
Und Richard Voss wartete.



Gott gebe das ich dem Siechtum entkommen.
Ich muss immer lachen wenn Deutsche davon reden was sie machen wenn sie in Rente sind..
Die Realität sieht meist komplett anderst aus.
Früher wurde einem versprochen das es einem im Jenseits gut geht wenn man macht was die Herrscher wollen.
Das Konzept verlor an Strahlkraft mit der Reformation und der Aufklärung.
Dann kam die Rentenkasse und das gleiche Versprechen wurde einfach vors Ableben gelegt..
Nunja ich würde sagen Anspruch/ Versprechen. Und Wirklichkeit/ Realität klaffen doch sehr auseinander.
Lediglich für die "Systemrelevanten" wird es noch wahr.
Traurig aber aktueller Stand.
Wir hatten einen generationsübergreifenden Pakt, dass sich die älteren Generationen auf die jüngeren verlassen konnten. Unsere (Leistungs-)Kultur hat dafür aber keine Zeit mehr.